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STANDPUNKT/1077: Rita Segato - Seit Gaza "ist die Macht des Todes das Gesetz" (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Seit Gaza "ist die Macht des Todes das Gesetz"


(Lima, 21. Juni 2025, servindi) - Eine "boshafte und völkermordende Spezies" - so stufte die argentinische Anthropologin Rita Segato [1] vor kurzem in einem Interview die Menschheit ein. Diese Aussage traf sie in Hinblick auf die Menschenrechtsverbrechen in Gaza.

Für die 73-jährige Anthropologin ist dieses Ereignis nicht einfach ein Völkermord, sondern markiert ein Davor und Danach in der Geschichte der Menschheit. Denn im Gegensatz zu anderen dunklen Kapiteln unserer Geschichte schauten im Falle von Gaza alle zu und es sei bekannt, was dort geschieht: "Eine expressive Gewalt, die eine Nachricht sendet" - und die zynisch und straflos zur Schau gestellt wird.

Die Zurschaustellung der Straflosigkeit - ein neues Gesetz

"[Gaza] ist der letzte Nagel im Sarg der Menschenrechtserklärung", sagte Segato im Gespräch [2] mit einem Moderator von TV UNAM, wobei sie eine Aussage [3] der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese über die Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten paraphrasierte.

Allerdings, betonte die argentinische Wissenschaftlerin, sei die Situation sogar noch schlimmer. Denn wir würden bereits unter einer neuen Menschenrechtserklärung leben, "in der die Macht des Todes das Gesetz ist". In den letzten Jahren hätten wir immer wieder eine "juristische Fiktion" gelebt, erklärte sie im Hinblick auf das Menschenrechtssystem, das zumindest bestimmte Situationen einordnete und diese vorhersehbar machte.

Mit Gaza würde diese juristische und demokratische Fiktion fallen, urteilt sie.

Eine Pädagogik der Grausamkeit

In dem umfassenden Interview [4] für das mexikanische Medienformat Diálogos por la Democracia (Dialoge für die Demokratie) des TV-Kanals der Universität UNAM in Mexiko-Stadt sprach Segato mit dem Moderator eigentlich über den Krieg gegen die Frauen. Doch reflektierte die preisgekrönte Wissenschaftlerin auch darüber, wie wir Menschen zur Gefühllosigkeit gegenüber anderen angestachelt werden.

"Wir werden permanent dazu verleitet, unserer Toleranzschwelle gegenüber dem Schmerz anderer Menschen zu erhöhen. [...] Sie formen uns zu einer psychopathischen und gegenüber den Schmerzen anderer unsensiblen Persönlichkeit", erklärte sie.

Diese Perspektive ist Teil des Konzepts der Pädagogik der Grausamkeit, das von Segato entwickelt wurde. Es beschreibt, wie gewisse soziale und kulturelle Praktiken - auf explizite oder implizite Weise - uns dazu erziehen, andere zu entmenschlichen, zu vergegenständlichen und zu verletzen, insbesondere Frauen und feminisierte Körper.

Rita Segato ist Anthropologin und feministische Aktivistin, die Werke zu Geschlechtergewalt, Kolonialismus, Rassismus und Machtstrukturen, die unsere Gesellschaften durchziehen, geschrieben hat. Das vollständige Gespräch mit Rita Segato kann hier angeschaut werden (das Video ist auf Spanisch): https://acortar.link/16qaDa .

Übersetzung: Chantal Diercks


Anmerkungen:
[1] https://es.wikipedia.org/wiki/Rita_Segato
[2] https://www.youtube.com/watch?v=FBjIHYEhfhg
[3] https://www.democracynow.org/es/2024/10/31/francesca_albanese
[4] https://www.youtube.com/watch?v=FBjIHYEhfhg


URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/politik-gesellschaft/seit-gaza-ist-die-macht-des-todes-das-gesetz/

Link zum Originalartikel:
https://www.servindi.org/actualidad-entrevistas/20/06/2025/segato-somos-una-especia-siniestra-y-genocida


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https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

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Quelle:
poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
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Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 18. Juli 2025

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