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ASYL/1591: Kolumbianische Flüchtlinge in Deutschland - als Fachkräfte willkommen, als Asylsuchende nicht (Pro Asyl)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Deutschland
Als Fachkräfte willkommen, als Asylsuchende nicht

von David Graaf


Während Deutschland gezielt Arbeitskräfte aus Kolumbien anwirbt, scheitern fast alle Asylsuchenden aus dem Land an den Behörden.

(Hannover, 11. August 2025, npla) - Auf einer Zuschauertribüne in Norddeutschland feuern Mädchen und Jungen einer C-Jugend-Mannschaft ihre Teamkollegen an. Mitten unter ihnen sitzt Santiago, einer der Trainer. Dass er eines Tages auf einem Fußballplatz in Niedersachsen stehen würde, erschien ihm vor wenigen Jahren noch undenkbar. Gemeinsam mit seiner Frau Estefany und den beiden Töchtern floh Santiago 2022 aus der Nähe von Medellín nach Deutschland. Zunächst landete die Familie in einer Erstaufnahmeeinrichtung in München, später in Niedersachsen. Der Grund für ihre Flucht liegt in Estefanys Vergangenheit: Der Vater ihrer älteren Tochter arbeitete für die kolumbianische Gefängnisbehörde INPEC - und machte sich durch seine kompromisslose Haltung gegenüber korrupten Kollegen Feinde. "Irgendwann bekam ich anonyme Anrufe, sie wussten, wo ich wohnte, wo meine Tochter zur Schule ging", erzählt Estefany. Ihr Ex-Mann habe sie schließlich gewarnt, sofort das Land zu verlassen - "weit weg aus Südamerika".

Hohe Fluchtzahlen - kaum Anerkennung

Wie die Familie Graaff kommen in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen aus Kolumbien nach Deutschland. 2024 stellten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über 3.800 Kolumbianer*innen einen Asylantrag, 2025 waren es bereits über 1.000. Damit rangiert Kolumbien unter den Top Ten der Herkunftsländer von Asylsuchenden. Die Gründe sind vielfältig: Politische Verfolgung, Bedrohungen gegen Umweltschützer*innen oder indigene Aktivist*innen, Gewalt durch bewaffnete Gruppen. "Der Staat kann in solchen Situationen keinen verlässlichen Schutz bieten", sagt Caroline Mohrs vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Trotzdem liegt die Gesamtschutzquote für Asylsuchende aus Kolumbien bei unter einem Prozent. Viele leben mit einer Duldung, rund 1.600 sind derzeit von Abschiebung bedroht. Nach Einschätzung von Diana Sepúlveda von der Initiative Derecho al Asilo erkennen Ausländerbehörden die individuellen Fluchtgründe oft nicht an. "Es heißt dann: Kolumbien ist ein sicheres Land, es gibt einen Rechtsstaat, also kein Grund für Asyl", kritisiert sie. Auch Estefany und Santiago wurde weder Asyl noch subsidiärer Schutz gewährt. Die Bedrohung ihres früheren Partners sei kein Grund, in Deutschland zu bleiben, erklärten die Behörden. Estefany hält dagegen: "In Medellín weiß man morgens nicht, ob man abends wiederkommt."

Niedersachsen im Fokus

Besonders viele Kolumbianer*innen leben in Niedersachsen - das Land ist für ihre Asylverfahren zuständig. Landesinnenministerin Daniela Behrens (SPD) sieht die Verwaltungsgerichte durch die Fälle überlastet und fordert, die Visumspflicht für Kolumbianer*innen wieder einzuführen. Denn aktuell können sie mit einem Touristenvisum in die EU einreisen und anschließend Asyl beantragen. Deutschland drängt Kolumbien daher, die Migration zu begrenzen. Ende 2024 schlossen beide Länder ein Migrationsabkommen, das unter anderem eine bilaterale Steuerungsgruppe vorsieht.

Willkommen - wenn es um Arbeit geht

Während Geflüchtete aus Kolumbien in Asylverfahren kaum Chancen haben, wirbt Deutschland aktiv um Arbeitskräfte aus dem Land - vor allem im Pflegebereich, aber auch in Handwerk und Erziehung. Niedersachsen will im Rahmen des Projekts "¡¡Adelante! Colombia" schon im nächsten Jahr die ersten Fachkräfte ins Land holen. Landesarbeitsminister Andreas Philippi sieht darin eine "Stärkung der Migrationspartnerschaft" und eine Chance, legale Einwanderungswege bekannt zu machen. Caroline Mohrs nennt diesen Doppelstandard "widersprüchlich": Auf der einen Seite werde gezielt um Fachkräfte geworben, auf der anderen drohten Geflüchteten Abschiebung - selbst, wenn sie gut qualifiziert seien. Diana Sepúlveda kritisiert zudem, dass die kolumbianische Regierung in Deutschland vor allem Akademiker und Künstler als Migrant*innen präsentiere. "Es gibt auch Menschen ohne Titel, die Schutz brauchen. Aber die werden unsichtbar gemacht."

Zwischen Hoffnung und Erschöpfung

Estefany ist ausgebildete Systemingenieurin, Santiago hat als Elektriker gearbeitet - allerdings ohne formellen Abschluss. Über hundert Bewerbungen habe sie bereits verschickt, erzählt Estefany. Manchmal sei ein Arbeitgeber interessiert gewesen, doch Papierkram und ihr Aufenthaltsstatus hätten die Einstellung verhindert. "Wir sind hier, um zu arbeiten, nicht um Geld vom Staat zu nehmen", sagt sie. Doch die Unsicherheit und die ständige Angst vor Abschiebung setzen der Familie zu. "Wir sind erschöpft und fragen uns, ob es das alles wert war."


Ein Audiobeitrag zu diesem Thema ist hier zu finden:

https://www.npla.de/thema/flucht-migration/zwischen-anwerbung-und-abschiebung-kolumbianerinnen-in-deutschland/

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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 15. August 2025

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