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LATEINAMERIKA/2269: Alte Bündnisse, neue Brüche - Lateinamerika und der Krieg in Gaza (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Alte Bündnisse, neue Brüche. Lateinamerika und der Krieg in Gaza

von Andreas Behn, Antje Vieth, Darius Ossami, Jules Gießler, Knut Hildebrandt, Markus Plate, Steffen Heinzelmann, Stephan Moore und Ute Löhning


Lateinamerika ist gespalten: Von klarer Parteinahme für Palästina bis zu fester Bündnistreue zu Israel ist alles dabei. Wer steht wo und warum?

(Berlin, 16. September 2025, npla) - Lateinamerika ist gespalten: Von klarer Parteinahme für Palästina bis zu fester Bündnistreue zu Israel ist alles dabei. Manche Länder brechen die diplomatischen Beziehungen ab, andere verlegen ihre Botschaften nach Jerusalem. Auf den Straßen schwenken Aktivist:innen palästinensische Fahnen, während einige Regierungen zwischen Solidarität, Realpolitik und geopolitischen Interessen lavieren. Wir haben hingeschaut, wer in Lateinamerika auf wessen Seite steht - und warum.

Mexiko hat die Angriffe und die Gewalt gegen israelische ZivilistInnen durch die Hamas als terroristischen Akt verurteilt. Es erkennt Israels Recht auf Selbstverteidigung im Rahmen der Bestimmungen des Völkerrechts an, verurteilt aber gleichzeitig jegliche Gewaltanwendung gegen Zivilist*innen, egal von wem diese ausgeht. Das Land unterstützt die vom internationalen Gerichtshof angeordneten Maßnahmen zur Verhinderung eines Genozids an den Palästinenser*innen in Gaza. Im Mai 2025 klagte Mexiko vor dem Internationalen Gerichtshof die Entmenschlichung der PalästinenserInnen im Gaza an und forderte, dass Israel als Besatzungsmacht seinen Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht nachkommt. Mehrfach betonte Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum, dass Mexiko zwei unabhängige Staaten, Israel und Palästina. anerkennt und sich für eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzt. Verschiedene Organisationen der mexikanischen Zivilgesellschaft bezichtigen Israel des Genozids, unterstützen Bewegungen wie BDS oder fordern die Regierung auf, die Beziehungen zu Israel abzubrechen. Auf vielen Demonstrationen ohne direkten Palästina-Bezug sind palästinensische Fahnen zu sehen und pro-palästinensische Sprechchöre zu hören.

Honduras hat einen deutlichen Schritt gesetzt und seinen Botschafter aus Israel abgezogen. Damit verurteilt das Land den anhaltenden Konflikt und zeigt seine Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung. Die Regierung wirft Israel schwere Verbrechen und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht vor. Honduras hält die diplomatischen Beziehungen jedoch aufrecht und fordert weiterhin einen sofortigen Waffenstillstand sowie die Einhaltung des humanitären Völkerrechts.

El Salvadors palästinensische Diaspora hat historisch einigen Einfluss, hielt sich aber politisch meist zurück. Präsident Nayib Bukele ist selbst palästinensischer Herkunft, doch im Konflikt Israel-Palästina steht er an Israels Seite. Nach dem 7. Oktober verurteilte er Hamas als Bestien und verglich sie so mit den Mara-Banden seiner Heimat. Bukele inszeniert sich als christlicher Konservativer und wird von evangelikalen Gruppen gefeiert. Gleichzeitig baut er ein autoritäres Regime auf - auch mit israelischen Waffen, Überwachungstechnik und Spionagesoftware ließ er Journalist*innen und Kritiker*innen überwachen. 85.000 Menschen hat er seit 2022 inhaftieren lassen. Außenpolitisch hat sich El Salvador klar nach rechts entwickelt - und zu einem engen Verbündeten Israels.

Guatemala steht dagegen zwischen Solidarität und Realpolitik. Präsident Bernardo Arévalo bekennt sich zur Zwei-Staaten-Lösung, verurteilt die Hamas-Angriffe, fordert aber humanitären Zugang für Gaza. Er versucht diplomatische Balance zu halten - auch weil er US-Unterstützung für seinen Kampf gegen den sogenannten Pakt der Korrupten braucht. In der Zivilgesellschaft klingen andere Töne: Aktivist*innen protestieren gegen Israels Vorgehen, sprechen von Genozid in Gaza und erinnern an den Völkermord in Guatemala in den 1980er-Jahren - ermöglicht auch mit israelischer Waffen- und Geheimdiensthilfe.

Die Regierung Costa Ricas verurteilt sowohl die Angriffe der Hamas als auch die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen, bei denen Zehntausende Zivilisten getötet wurden. San José ruft zu Dialog und friedlichen Lösungen auf - ohne die diplomatischen Beziehungen zu Israel zu beenden. Nach Israels Ankündigung, Gaza-Stadt einzunehmen, äußerte Costa Rica im August deutliche Besorgnis und forderte die Einhaltung der Menschenrechte - auch in bewaffneten Konflikten. Gleichzeitig erneuerte das Land seine Forderung an die Hamas, alle Geiseln sofort freizulassen, und sprach sich erneut für einen Waffenstillstand aus. Costa Rica betont: Auch im Krieg gelten Regeln, jede Handlung, auch in bewaffneten Konflikten, muss im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht stehen. Das Land selbst beheimatet den interamerikanischen Menschenrechtshof und hat seit Jahrzehnten keine eigene Armee mehr.

Panama bezieht im Israel-Palästina-Konflikt eine klar pro- israelische Position. Präsident Laurentino Cortizo verurteilte die Angriffe der Hamas auf das israelische Volk mit scharfen Worten und sprach Israel seine volle Solidarität aus. Panama lehnt jede Form von Gewalt ab - erkennt aber als einziges Land Lateinamerikas die palästinensischen Gebiete nicht als offiziellen Staat an. Die Regierung betont die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorismus und ruft zu Stabilität in der Region auf.

Nicaragua hat Deutschland im April 2024 wegen Beihilfe zum Völkermord in Palästina angeklagt - und sich damit kurzzeitig auf die weltpolitische Bühne gebracht. Das sorgte in der israelfreundlichen Politik Deutschlands für erhebliche Unruhe. Im Oktober 2024 brach Nicaragua die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Die autoritäre Regierung unter dem Ehepaar Ortega-Murillo bekräftigte ihr - Zitat - "festes Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit auf internationaler Ebene". Von einem Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit auf nationaler Ebene wollte das Herrscherpaar lieber nicht sprechen.

Kuba hat bereits seit 1973 keine diplomatischen Beziehungen zu Israel mehr. In den 1990er Jahren gab es allerdings eine Annäherung zwischen Fidel Castro und verschiedenen israelischen Staatschefs. Seit Ende 2023 verurteilt der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel regelmäßig die israelische Kriegsführung in Gaza. Kuba gehört auch der sogenannten "Haager Gruppe" an, die sich im Januar gegründet hat, um mehr Druck auf Israel auszuüben. Fünf der neun Staaten dieses Zusammenschlusses kommen aus Lateinamerika. Neben Kuba sind das: Kolumbien, Bolivien, Honduras und Belize.

Venezuela hat bereits 2009 aus Protest gegen den damaligen Gazakrieg die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen, Palästina offiziell anerkannt und seitdem zahlreiche Kooperationsvereinbarungen geschlossen. Aktuell wirft Venezuela Israel vor, mit der angedrohten vollständigen Besetzung des Gazastreifens die Palästinenser*innen "auslöschen" zu wollen. Der israelische Geheimdienst Mossad verdächtigt Venezuela hingegen, Uran an den Iran liefern zu wollen. Die USA haben ein Kopfgeld auf Venezuelas Machthaber Maduro ausgesetzt und Kriegsschiffe in die Karibik entsandt.

Kolumbien geht beim Thema Israel-Palästina auf Konfrontation. Präsident Gustavo Petro hat die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen und nennt dessen Regierung "genozidal". Das Außenministerium verurteilt wiederholt Bombardements in Gaza, Angriffe auf Flüchtlinge und auf Zivilisten, die humanitäre Hilfe suchen. Bogotá unterstützt die Klage Südafrikas vor dem Internationalen Gerichtshof und hisste sogar die palästinensische Flagge am Präsidentenpalast. Im Sommer lud Kolumbien zu einer internationalen Konferenz ein, die Waffenembargos und internationale Strafverfolgung für israelische Verantwortliche forderte. Brisant: Kolumbiens Todesschwadronen wurden einst von israelischen Söldnern trainiert, Polizei und Militär nutzen bis heute israelische Waffen. Unter Petro steht Kolumbien klar an der Seite der Palästinas - doch 2026 sind Wahlen, und ein Sieg der rechten Opposition könnte den Kurs wieder in Richtung Israel drehen.

Brasiliens Regierung und allen voran Präsident Lula hat schon seit Beginn des Krieges in Gaza eine sehr solidarische Position mit Gaza und mit den Palästinenser*innen eingenommen. Lula war einer der ersten Staatschefs, die sich sehr deutlich geäußert haben und auch das Vorgehen Israels dort als Völkermord bezeichneten. Diese Position der Regierung Brasiliens wird von weiten Teilen der brasilianischen Gesellschaft geteilt, weil Brasilien immer schon eine klare Position gegen Intervention, gegen Krieg und für Selbstbestimmung hat. Die Linke vor allen Dingen hat auch eine ganz klare pro-palästinensische Position. Solidarität mit Palästina ist ein ganz wichtiges Thema in der brasilianischen Linken. Auf der rechtsextremen Seite sieht es anders aus. Dort gibt es die Bolsonaristas, und in diesem Spektrum ist eine eindeutig positive Bezugnahme auf Israel präsent. Das liegt vor allen Dingen auch an den evangelikalen Kirchen, die eine ganz positive Bezugnahme zu Israel haben, und dementsprechend ist das rechtsextreme Spektrum eindeutig auf Seiten Israels in diesem Konflikt.

Angesichts der eskalierenden Gewalt im Nahen Osten hat sich Peru, trotz politischer Instabilität und massiver Kritik an der Regierung von Dina Boluarte, nun zum andauernden Genozid an der palästinensischen Bevölkerung positioniert. In einer aktuellen Mitteilung des Außenministeriums äußert sich die peruanische Regierung tief besorgt über die katastrophale humanitäre Lage im Gaza-Streifen und fordert alle beteiligten Parteien zur Einhaltung des humanitären internationalen Rechts auf. Peru verurteilt die gezielten Angriffe auf palästinensische Zivilist*nnen, die beim Versuch, humanitäre Hilfe zu erhalten, Opfer brutaler Gewalt werden. Ebenso spricht sich das Land entschieden gegen die Zwangsvertreibung der Bevölkerung und den illegalen Ausbau israelischer Siedlungen in Westbank aus, klare Verstöße gegen das internationale Recht. Zudem schließt sich Peru den internationalen Aufrufen zu einem sofortigen Waffenstillstand, ungehindertem humanitären Zugang und der Freilassung aller Geiseln an. Abschließend erklärt das Land seine Unterstützung für die Schaffung zweier Staaten, Palästina und Israel, im Einklang mit dem internationalen Recht.

Ecuador hat seine Beziehungen zu Israel unter Präsident Noboa weiter vertieft - in Bereichen wie militärische Kooperation, Technologie und Cybersicherheit - trotz der schweren humanitären Krise in Gaza. Auch Paraguay steht klar an der Seite Israels. Das Land wird seit Jahrzehnten von der Colorado-Partei regiert, die auch die Diktatur von Alfredo Stroessner mitgetragen hatte. Beide Länder verurteilen die Angriffe der Hamas und stimmen bei der UNO regelmäßig gegen gegen Resolutionen, die Israel kritisieren, oder enthalten sich.

Boliviens Regierung unterstützt im Konflikt die palästinensische Seite und verurteilt scharf die Politik Israels. Im Oktober 2023 brach Bolivien die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Als Grund nannte die Regierung "die aggressive und unverhältnismäßige israelische Militäroffensive im Gazastreifen". Sie forderte ein Ende der Bombardierungen und humanitäre Hilfe. Im Januar 2024 unterstützte Bolivien dann als eines der ersten Länder die Klage Südafrikas vor dem internationalen Gerichtshof wegen mutmaßlicher Verletzung der UN-Völkermordkonvention durch Israel in Gaza. Allerdings zeichnet sich ein Wechsel dieser Politik ab. Am 19. Oktober wird in einer Stichwahl Boliviens neuer Präsident gewählt. Zur Wahl stehen zwei rechte Kandidaten, Rodrigo Paz und Jorge Quiroga. Und beide könnten die Politik zu Israel und Palästina neu ausrichten.

Uruguays Präsident Yamandú Orsi der linken Frente-Amplio Regierung sagt, er verurteile die Eskalation, die Netanjahu in Gaza betreibt. Er wisse allerdings nicht, ob seine Äußerungen den Menschen, die leiden, wirklich helfen. Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren die passive Haltung Uruguays und fordern die uruguayische Regierung auf die internationalen Verpflichtungen zu erfüllen, was ihrer Meinung nach bedeutet, den Botschafter Uruguays in Tel Aviv abzuberufen, das Innovationsbüro an der Hebräischen Universität Jerusalem zu schließen und sich mit den Ländern der Region abzustimmen, um die diplomatischen, handelspolitischen, sicherheitspolitischen, wissenschaftlichen und sonstigen Beziehungen zu Israel (einschließlich des Freihandelsabkommens zwischen dem Mercosur und Israel) auszusetzen. Sie fordern, Uruguay möge den Antrag auf Suspendierung Israels in der nächsten UN-Generalversammlung unterstützen.

Argentiniens rechts-libertäre Regierung unter Javier Milei gehört zu den bedingungslosen Unterstützer*innen der Regierung Netanjahu. Im Juni reiste Milei nach Europa und nach Israel, in einer Rede vor dem israelischen Parlament unterstützte er Netanjahu's Vorgehen im Gaza-Krieg, bezeichnete Israel zusammen mit den Vereinigten Staaten als den "wichtigsten strategischen Partner" Argentiniens und kündigte die Verlegung der argentinischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem an [1]. Anders als unter den Vorgängerregierungen stimmt Argentinien seit Mileis Amtsantritt bei den Vereinten Nationen gegen Resolutionen, die Israel kritisieren, die Rechte der Palästinerser*innen stärken, Waffenstillstand oder eine Zweistaatenlösung fordern. Weite Teil der Bevölkerung sehen das kritisch, bei linken Protesten sind palästina-solidarische Positionen häufig stark vertreten.

In Chile lebt die größte palästinensische Community außerhalb des Orients. Eine halbe Million Menschen, etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung, sind palästinensischer Abstammung. Chile hat Palästina bereits 2011 als unabhängigen Staat anerkannt. Die Mitte-Links Regierung von Gabriel Boric erklärte, sie wolle auch eine Botschaft in den besetzten palästinensischen Gebieten eröffnen. Boric kritisiert die israelische Kriegsführung in Gaza und vor allem die Angriffe auf die Zivilbevölkerung stark. Er verurteilt Kriegsverbrechen und ethnische Säuberungen. 2024 ist Chile der südafrikanischen Klage vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israel wegen Völkermords beigetreten. Gleichzeitig hat sich Boric immer deutlich von der Hamas abgegrenzt, Anschläge auf israelische Zivilist*innen grundsätzlich und explizit den Angriff vom 7. Oktober 2023, die Entführungen und Morde verurteilt.


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Anmerkung:
[1] https://t5fe155d3.emailsys1a.net/c/245/8458262/1962/0/4647282/5/116047/b4eb5ff3c8.html


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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 19. September 2025

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