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LATEINAMERIKA/2261: Mexiko - Warum stößt ein Luxusviertel in Mexiko-Stadt so viele vor den Kopf? (Philipp Gerber)


Mexiko in Aufruhr:
Warum stößt ein Luxusviertel in Mexiko-Stadt so viele vor den Kopf?

von Philipp Gerber, 26. Juli 2025


Mexiko-Stadt. Aktivisten und Anwohner haben am 20. Juli in Mexiko-Stadt gegen steigende Mieten und Luxusprojekte protestiert. Die Demonstration im südlichen Stadtbezirk Tlalpan wurde mit Spannung erwartet, da es nach Kundgebungen am 4. Juli in den stark gentrifizierten Stadtvierteln La Condesa und Roma zu Sachbeschädigungen kam (amerika21 berichtete [1]). Bei der Demonstration am Sonntag wurde der Protestzug von Hunderten Polizisten dicht überwacht und zeitweise eingekesselt.

Die Demonstration richtete sich konkret gegen Immobilienprojekte, die im Süden der Hauptstadt geplant sind. Das bekannteste davon ist die luxuriöse Siedlung Fuentes Brotantes 134. Das Projekt soll 52 Häuser umfassen und in einem Park von Santa Úrsula Xitla gebaut werden, einem von über 50 indigenen Dörfern, die von Mexiko-Stadt absorbiert wurden. Gegner kritisieren Fuentes Brotantes 134 als umweltschädlich und befürchten, dass dadurch die Wasserknappheit weiter verschärft werden könnte. Ende 2024 verhängten die Behörden einen vorläufigen Baustopp. Den Aktivisten von Santa Úrsula Xitla reicht das nicht, sie fordern einen endgültigen Entzug der Baugenehmigung.

Trotz des massiven Polizeiaufgebots und der Einstellung des öffentlichen Verkehrs zum Versammlungsort fanden sich laut Stadtbehörden rund 600 Menschen dort ein. Die meist jungen Teilnehmenden kritisierten den Polizeieinsatz als "skandalöse Repression".

Anfang Juli, nach den massiven Protesten gegen die Verteuerung der Mieten und die Präsenz der sogenannten "digitalen Nomaden", in den Vierteln der Innenstadt, kündigte Clara Brugada, Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt, Maßnahmen gegen die Gentrifizierung an. So sollen die Wohnungsmieten in Mexiko-Stadt künftig nicht stärker steigen können als die Inflationsrate. Mit "digitalen Nomaden" sind meist US-Bürger gemeint, die wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten in Mexiko leben und online arbeiten. Firmen für temporäre Vermietungen wie Airbnb sollen stärker reguliert und der soziale Wohnungsbau gefördert werden. Zudem wurde eine neue Ombudsstelle für Mieterrechte gegründet, die bei Missbrauch oder illegalen Zwangsräumungen eingreifen kann.

Parallel zu den Vorschlägen der Stadtregierung hat die Fraktion der linken Morena-Partei im Kongress von Mexiko-Stadt eine Reihe von Foren mit dem Titel "Dialoge gegen die Gentrifizierung" initiiert. Diese Treffen, die am 19. Juli begannen und bis zum 23. August andauern, sollen das Phänomen der Gentrifizierung in allen Stadtteilen der Metropole mit ihren neun Millionen Einwohnern analysieren.

Die Verdrängung vor allem einkommensschwacher Gruppen aus ihren Vierteln hat in Mexiko-Stadt insbesondere seit der massiven Ankunft von US-amerikanischen Migranten während der Covid-19-Pandemie stark zugenommen. Urbanisten gehen davon aus, dass jährlich rund 100.000 Bewohner ihre Wohnung aufgeben müssen und an den Stadtrand gedrängt werden. Eliana Gilet von der regierungskritischen Plattform desinformémonos beschreibt [2] die Gentrifizierung als einen "neokolonialen Mechanismus, der die ursprüngliche Bevölkerung zugunsten der Aufnahme von Touristen und Migranten aus dem globalen Norden verdrängt".


Anmerkungen:
[1] https://amerika21.de/2025/07/276012/proteste-mexiko-gentrifizierung
[2] https://desinformemonos.org/enorme-despliegue-policial-de-contencion-previo-al-mundial-dilata-y-encapsula-marcha-en-el-sur-de-cdmx/

Quellen:
https://animalpolitico.com/estados/marchan-ciudad-mexico-vivienda-digna-contra-gentrificacion
https://www.proceso.com.mx/nacional/cdmx/2025/7/19/lo-que-se-sabe-de-los-foros-contra-la-gentrificacion-de-la-cdmx-355200.html


Erstveröffentlicht auf amerika21:
https://amerika21.de/2025/07/276233/mexiko-proteste-gentrifizierung

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Quelle:
© 2025 by Philipp Gerber
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 1. August 2025

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