WWF Magazin, Ausgabe 03/2024
WWF Deutschland - World Wide Fund For Nature
Projekt
Giftiges Gold
Dr. Konstantin Ochs, WWF
Illegaler Goldabbau vergiftet die Nahrungsquellen indigener Völker in der nordbrasilianischen Region Tapajós. Der WWF setzt sich mit den Indigenen für eine bessere Gesundheitsversorgung ein und unterstützt sie dabei, ihre Rechte geltend zu machen.
Wir wissen, dass Quecksilber in unseren Körpern ist. Aber wir müssen
den vergifteten Fisch essen, um nicht zu verhungern", sagt Alessandra
Munduruku. Sie ist Stammesführerin und Aktivistin der gleichnamigen
indigenen Bevölkerungsgruppe, die im Amazonasgebiet am unteren Rio
Tapajós im Norden Brasiliens lebt. Der Fluss ist der Lebensmittelpunkt
des kleinen Volkes. Mitunter essen die Indigenen drei Mal am Tag Fisch
- und vergiften sich so schleichend.
Schuld an der schlimmen Lage der Munduruku ist der Goldrausch, der in ihrer Heimat ausgebrochen ist. Mehr als 3700 Goldminen wurden seit 2014 in der Tapajós-Region eröffnet. Viele davon auf indigenen Gebieten, wo Bergbau eigentlich verboten ist. Um mehr als 500 Prozent ist der illegale Goldabbau in den vergangenen zehn Jahren angestiegen - und mit ihm auch die Konzentration des Nervengifts im Fluss. Die Goldgräber mischen das Quecksilber unter den Flussschlamm, wo es sich an die Partikel des Edelmetalls bindet. So gelangt das mitunter tödliche Schwermetall in die Nahrungskette. Die Folgen für die Menschen am Fluss sind gravierend: Erblindung, Hirnfunktionsstörungen, Beeinträchtigung der Lungenfunktion und Missbildungen bei ungeborenen Kindern. Die Vergiftung des Flusses ist eine politisch gewollte Naturkatastrophe. Die erst vor zwei Jahren abgewählte Regierung von Ex-Präsident Jair Bolsonaro hatte Umweltschutzmaßnahmen drastisch reduziert und illegale Goldgräber ausdrücklich ermutigt. Dagegen setzen sich die Munduruku zur Wehr. "Ipereg ayũ heißt ihre Widerstandsbewegung. Das bedeutet: "Wir sind stark und können uns selbst verteidigen." Sie wollen ihre Heimat vor Ausbeutung bewahren, ihre Gesundheit schützen und ihre Rechte geltend machen. Dabei hilft ihnen der WWF.
Zusammen mit Partnerorganisationen wie der brasilianischen Stiftung für Bildung und Gesundheit Oswaldo Cruz Foundation (Fiocruz) wollen wir das Gesundheitssystem in der Region stärken. Ziel ist es, Quecksilbervergiftungen möglichst schnell zu erkennen und zu behandeln. 40 medizinische Fachkräfte wurden inzwischen entsprechend aus- und fortgebildet. Sie helfen nicht nur den Menschen mit akuten Vergiftungserscheinungen, sondern unterstützen auch wissenschaftliche Studien und die Erforschung von Quecksilberverseuchung. Ein Schwerpunkt sind schwangere Frauen und Neugeborene.
Eine aktuelle Studie von WWF und Fiocruz ist alarmierend: Alle untersuchten Indigenen hatten Quecksilberspuren in ihren Körpern. Besonders besorgniserregend ist die hohe Konzentration des Metalls bei Kindern unter fünf Jahren, für die eine Quecksilbervergiftung tödlich sein kann. In dieser Situation ist gesundheitliche Aufklärung besonders wichtig. Darum sensibilisiert der WWF in Workshops für die Gefahr. Zusammen entwickeln wir Strategien, bestimmte Fischarten und belastete Fischgründe zu meiden. Als Alternative zur Nutzung verschmutzten Oberflächenwassers bauen wir zusammen mit einem Projektpartner Brunnen und Wasserverteilungssysteme in den betroffenen Gebieten.
Neben der Hilfe vor Ort ist der WWF auch auf politischer Ebene aktiv, um die territorialen Rechte der Indigenen und ihre Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs zu stärken. Gleichzeitig berät der WWF nationale Behörden, um illegalen Goldabbau besser bekämpfen und Goldgräber strafrechtlich verfolgen zu können. So haben die Kolleg:innen des WWF Brasilien Workshops für Staatsanwälte zu Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit illegalem Goldabbau veranstaltet. Gerade wird online eine Beobachtungsstelle für Bergbau eingerichtet. Sie soll indigenen Völkern den Zugang zur Justiz erleichtern. Zusammen mit der Strafverfolgungsbehörde entwickeln wir neue Verfahren, um die Quecksilberverschmutzung aufzudecken und zu ahnden.
Aber um dieses für Menschen und Natur so gefährliche Geschäft wirklich zu beenden, muss sich letztendlich die Rechtslage ändern. Auch wenn die politischen Widerstände unter den Bolsonaro-Anhängern im brasilianischen Nationalkongress groß sind, stehen die Chancen für die gesetzliche Eindämmung des illegalen Goldabbaus nicht schlecht. Präsident Luiz Lula da Silva hat die umweltpolitische Kehrtwende eingeleitet. Die Regierung stellt sich auf die Seite der Indigenen und schenkt ihren Forderungen Gehör. Es ist zwar noch ein langer Weg, aber in dieser in Umweltfragen progressiven Regierung hat auch der WWF wieder einen Partner, der Rat in Umweltfragen sucht.
Die dramatische Situation der indigenen Völker am Rio Tapajós lässt sich nicht mehr länger verschweigen, auch weil Aktivist:innen wie Alessandra immer lauter auf die Missstände in ihren Territorien aufmerksam machen. "Wir sprechen mit einer Stimme: Wir sind gegen Bergbau, Wasserkraft und Abholzung in unserem Gebiet", sagt sie. Sie und ihre Mitstreiter:innen fordern Autonomie und das Recht, selbst über Projekte in ihren Territorien zu entscheiden. Auch dabei können sie auf die Unterstützung des WWF zählen.
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Quelle:
WWF Magazin 03/2024, Seite 26-28
Herausgeber:
WWF Deutschland
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